Leseprobe aus "Die Weisheit der Bienen

von Tatjana Adams

 

 

Chloé

 

Ich bin Chloé.

Ich bin Flugbiene. Ich bin da angekommen, wo alle hinwollen – endlich.

Und ich kann euch sagen, meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Also, „Erwartungen“ ist vielleicht zu viel gesagt. Aber man hört natürlich das Munkeln von der Welt da draußen. Von den Blumen und Büschen. Von der Sonne und dem Licht. Von den Farben und Gerüchen und von dem Wind und dem Regen. Auch Kälte ist ein Thema bei uns.

Da freut man sich unbändig, wenn man selbst endlich losfliegen darf!

Und natürlich hat man schon eine Art inneres Bild, weil die Bienen, die hereinkommen, so vieles mitbringen. In ihnen stecken Sonne und Wärme, und auch die Düfte können wir aus den Geschmäckern des Mitgebrachten erahnen.

Aber das, was es wirklich bedeutet, hinauszugehen, kann man vorher nicht erahnen.

Diese Welt ist phantastisch.

Es ist eine Explosion.

Gut, dass wir genau gesagt bekommen, wo wir hinfliegen sollen! Ich wäre sonst an meinem ersten Tag völlig überfordert gewesen von all den Eindrücken! Da leuchtet einen so vieles an und es ist ein solches Summen in der Luft, dass man kurz innehalten muss, um diesen Moment zu verinnerlichen.

Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt und alles folgt seiner Bestimmung. Alles hat eine so tiefe Richtigkeit, dass es einen tief im Innern berührt. Rausfliegen ist viel mehr, als Pollen oder Nektar sammeln.

Rausfliegen ist Leben tanken.

Das gibt dem gesamten Volk Kraft. Ich kann es nicht beschreiben – aber wir bringen mehr nach Hause als bloß Speisen. Definitiv. Und wenn ich abends in den Stock zurückkehre, bin ich derart erfüllt von wunderbaren und glücklichen Eindrücken, dass ich davon überlaufe und den anderen gerne erlauben kann, sich daran zulaben. So bekommen auch sie ein Bild von dem, was draußen auf sie wartet. So geht es in einem fort. Von Generation zu Generation. Was mir Gutes widerfahren ist, kann ich getrost an die mir nachfolgenden Bienen weitergeben. Und das hat nichts mit Wehmut oder Ähnlichem zu tun. Es erfüllt mich mit Glück.

Rausfliegen ist in keiner Weise anstrengend!

Natürlich – Regen ist sehr erschwerend. Wenn es uns unterwegs erwischt, ist es unangenehm. Aber meist gibt es einen Weg zurück. Und wir haben auch eingebaute Regensensoren. Wir fühlen das Wetter. Wir sind eins mit der Natur. Wir haben uns nie abgespalten. Seit wir von euch so sehr kommerzialisiert werden, ist es allerdings auch damit etwas schwieriger geworden. Es ist nicht leicht, verbunden zu bleiben, wenn ständig jemand in den Ablauf eingreift. Aber wir schaffen es noch ganz gut. Wenn ich draußen unterwegs bin, merke ich davon zumindest nichts. Da bin ich ganz bei mir, ganz bei der wundervollen Natur.

Ich spüre ihren Atem und fühle ihren Puls und könnte jubeln vor Glück.

Natürlich überkommt mich auch mal Erschöpfung. Kälte oder Durst verschlimmern diesen Zustand. Gegen Hunger habe ich meist etwas dabei. Dass ich nichts zu essen finde, ist sehr selten. Wobei ich aber feststellen muss, dass das Spektrum des Nahrungsangebotes stark zurückgegangen ist. Der Klang und die Farbe des Essens sind nicht mehr so vielfältig. Aber Essen in irgendeiner Form finde ich immer, wenn ich rausfliege.

Auch da richte ich mich nach dem Rhythmus der Natur. Ich würde nie im Dunkeln oder bei Regen losfliegen. Ich fliege nur, wenn auch Nahrungsangebot für mich da ist. Hauptsächlich im Sommer. Da schaffe ich es, am Tag etliches zum Stock zurückzutragen. Werden die Tage kürzer, wird auch meine Zeit zum Fliegen kürzer. Ich brauche dazu eher warmes und trockenes Wetter. Sonst sind keine Blüten für mich bereit.

Mit dem Flugbienesein endet mein Lebenszyklus.

Es wird der Tag kommen, an dem ich nicht in den Stock zurückkehre.

Dafür kann es viele Gründe geben. Es lauern viele Gefahren für uns in der Welt draußen.

Aber der wahrscheinlichste Grund ist, dass meine Zeit einfach um ist, dass meine Lebenszeit und Lebenskraft zu Ende gehen und ich eines natürlichen Todes sterbe.

Ohne Unfall oder Aufgegessen werden.

Die meisten von uns dürfen ihren Lebenszyklus in Ruhe zu Ende bringen.

Verkürzt wird er höchstens durch neue Umwelteinflüsse, denen wir uns nicht produktiv entgegenstellen können. Wir arbeiten an einer Anpas- sung. Aber stark betreute Völker haben keine Chance dazu.

Wir sind sehr kluge Tiere. Wir selbst schaffen Anpassung und züchten Nachkommen, die anpassungsfähiger sind als wir.

Aber uns werden unsere Königinnen oder die entsprechende Brut geklaut. So können wir es nie zu Ende bringen.

Sanftmütig bis in den Tod. So wollt ihr uns haben. Und ihr formt uns nach eurem Gutdünken.

Aber es bringt uns aus dem Takt, und wir verlieren den Halt.

Mein Eindruck ist, dass die Generationen von heute insgesamt kürzer ausfliegen als frühere Generationen. Die Kraft ist schneller verbraucht.

Aber egal wie kurz oder wie lang dieses Rausfliegen ist – es ist das Schönste, was uns in unserem Bienenleben widerfährt!!

Es ist Lohn und Geschenk zugleich und bringt die Motivation, weiterzumachen. Auch für die nachfolgenden Generationen.  

Ich liebe es!!!!!!!!

 

 

 

 

Blumen

 

Wir möchten euch jetzt die Welt aus unserer Sicht zeigen. Öffnet euer Herz, dann könnt ihr dieses Abenteuer auf einer tieferen Ebene erleben. Es lohnt sich! Sozusagen eine 3- oder sogar 4-D-Erfahrung.

Hausgemacht.

Es gibt eine Fülle von Blumen.

Jede hat ihre eigene Farbe, ihren eigenen Klang, ihre eigene Schwingung und natürlich ihre eigene Energie und ihren sehr eigenen Geschmack.

Wir wählen sehr bewusst, welche Blumen wir aufsuchen.

Haben wir eine große Artenvielfalt zur Auswahl, wählen wir gerne die Blüte mit der meisten Energie oder der Schwingung, die uns im Stock gerade fehlt. Jede Blume hat auch eine Art Heilwirkung für uns. Außerdem lässt sich diese Energie im Honig und den Pollen konservieren und erhält im Winter unser Leben auf wundersame Weise. Es geht fast mehr um die Energie, die wir beim Essen aufnehmen, als um die Nahrung an sich.

Ist die Blume gerade frisch aufgeblüht und noch voll mit Nektar beladen, ist es fast ein Rausch, auf ihr zu landen. Es ist fast wie eine Explosion der Sinne.

Wir geben uns dem Rausch aber nicht hin, sondern erfüllen eifrig unsere Aufgabe. Aber unsere Sinne genießen dabei.

Erstrahlen die Farben in der Sonne, tanken wir Licht.

Bringt die Wärme die Blüte zum Klingen, tauchen wir ein in den Genuss des Duftes.

Und wenn der Wind sie sanft schaukelt, lassen wir uns darin treiben.

So wird die Erfüllung unserer Aufgabe, unserer Arbeit, wie ihr es nennt, zum Genuss. Wir lassen uns all die Zeit, die wir benötigen, um auf allen Ebenen gesättigt zu werden. Was zeitlich, je nach Tagesverfassung, sehr unterschiedlich sein kann.

Einen klitzekleinen Teil des Nektars nehmen wir direkt für uns, aber das meiste tragen wir in den Stock.

Unsere Sinne sättigen wir aber in ausreichender Form.

Haben wir genug von beidem, fliegen wir weiter.

Wir sammeln Pollen und Nektar von verschiedensten Blüten, bis wir wieder heim zum Stock fliegen.

Und dann beginnt alles erneut.

In den Zeiten der Fülle kann so jede Biene für sich unterwegs sein und es kommt genug zusammen.

Manchmal allerdings ist ein wenig mehr Struktur und Organisation vonnöten. Dann fliegen wir konzentriert und gesammelt Orte an.

Aber auch da kommen unsere Sinne nicht zu kurz. Jede Biene weiß, dass sie sich selbst auf allen Ebenen gut nähren muss, um ihre Aufgabe im Gesamtgefüge zu erfüllen.

Eine Blume ist für uns Ausdruck des Lebens. Sie ist schön, flexibel, stark auf ihre Weise und berührt uns tief.

Eine Blume erzählt eine Geschichte, schwingt in einer ihr ganz eigenen Weise und gibt, ohne zu nehmen. Und doch bekommt sie etwas zurück. So ist das Leben. Öffnest du dein Herz, vertraust und bietest du dich an, dann wirst du belohnt, ohne dass es dich Mühe gekostet hätte.

Wir finden Blumen phantastisch! Und das liegt ganz sicher nicht daran, dass wir sie für unser Überleben brauchen. Wir sehen das anders.

Wir wissen genau, dass wir einander benötigen – und dennoch zählt für uns in erster Linie die Liebe und der tief empfundene Dank und Respekt füreinander.

Genauso begrüßt uns auch die Blume. Sie bedankt sich für unseren Besuch, denn sie betrachtet ihn nicht als selbstverständlich!!

Und wenn du viele Blumen besucht hast, fühlst du dich reich beschenkt und hast reichlich an sie weitergegeben. Auf einer ganz und gar immateriellen Ebene. Die materielle Ebene existiert bei uns gar nicht. Und das ist ein Segen.

 

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